KOBOLD Magazin

Wann ist sauber schmutzig?

Wohnen
Dieser Frage ist Anja Schauberger auf den Grund gegangen und hat sich umgehört. Die Antworten hat Sie für das Vorwerk-Magazin Stil &Leben niedergeschrieben, lesen Sie selbst.

Ab wann kümmern wir uns um jeden Dreck? Ein Staubexperte, ein zertifizierter Desinfektor und ein Marktforscher antworten.

Dreck gibt es überall, selbst im Weltall. Denken wir an die Mikrometeoriten, die sich an unsere Fenster schmiegen. Oder die Haut: Täglich verlieren wir rund 1,5 Gramm Hautschuppen, im Laufe unseres Lebens sind das rund 40 Kilogramm. Oder Industriedreck wie Schornsteinrauch oder Autoreifenabrieb: Ein Kubikzentimeter Luft enthält am Nordpol rund 300 Partikel, in einer Stadt wie Dresden sind es 50 000 – schmutzige Fantasien und Ideologien nicht mitgerechnet.

Der Staubforscher: „Jeder hat einen entscheidenden Putzort.“

„Sauberkeit ist subjektiv“, weiß Wolfgang Stöcker, 47, Leiter des Deutschen Staubarchivs. Wann putzt er? Gar nicht. Er sammelt Flusen berühmter Orte: „Der Staub der Oper von Sydney unterscheidet sich materiell nicht von unserem Hausstaub“, erklärt er und fügt hinzu: „Aber in diesem Kontext ist er: Kunst.“ Wer „Hygiene“ für ein afrikanisches Raubtier hält, feiert dies als Zitat des Jahres. Stöcker erforscht Putzgewohnheiten der Deutschen. Seine Erkenntnis: Die meisten Menschen haben einen entscheidenden Ort zu Hause – „wenn sie diesen reinigen, haben sie das Gefühl, die -ganze Wohnung wäre sauber“. Das kann der Badspiegel sein oder die Küchenspüle. Oder die Zahnbürste, die sie in der Spülmaschine neben das Kaffeeservice stellen. Mitbewohner spielen ebenfalls eine Rolle: Wer auf dem Land wohnt und Tiere hat, bewertet Schweinereien anders. Zudem hat die Reinlichkeit einen natürlichen Feind: „Kinder bringen sowieso alles durcheinander.“

Der Desinfektor: „Dreck ist Materie am falschen Ort.“

Christian Heistermann, 47, ist Gebäudereinigungsmeister, geprüfter Desinfektor und Tatortreiniger. Wann putzt er? Wenn er gerufen wird. Zum Beispiel zu dieser Frau mit weißem Sofa, das er einmal im Monat von bläulichen Flecken befreite. Farbe, die ihr Mann, Kasino-Mitarbeiter und Jeans-Fan, über seine Hose absonderte, die er selten auszog und noch seltener waschen ließ. Ein besonderer Typ mit einem eigenen Hygienebewusstsein. Wann putzen wir also, Herr Heistermann? „Wenn wir optisch einen Fehler erkennen, wenn wir uns umsehen und es ein bedrückendes Bild ergibt, dann gewinnen wir die Motivation zu putzen.“ Dreck, sagt er, Dreck ist einfach Materie am falschen Ort.

Der Marktforscher: „Wir putzen seltener, als wir zugeben.“

Und Hygiene hat eine metaphorische Bedeutung: Ein sauberer Mensch gilt als guter Mensch. Daher „brüsten wir uns damit, wie viel wir putzen, weil es sozial erwartet wird“, erklärt Psychologe und Marktforscher Jens Lönneker, 58. Tatsächlich aber „ist oft nicht gründlich geputzt bei uns zu Hause.“ Acht Prozent der Deutschen machen täglich den ganzen Haushalt: spülen Geschirr, machen ihr Bett, bringen den Müll raus. Jeder Dritte greift einmal wöchentlich zum Lappen – in Berlin bloß jeder Siebte. Was wohl die Hauptstädter dazu sagen? Dass niemand in ihrem Dreck wühlen soll!


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